Ramelow: Treuhandtätigkeit wissenschaftlich aufarbeiten

Erfurt, 26. August 2018 (ADN). Die Arbeit der Treuhandanstalt muss wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Die Forderung stellte Thüringens Ministerpräsident, Bodo Ramelow, in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“. Allerdings könne man nicht Tausende von Betriebsabwicklungen unter die Lupe nehmen. Aber es sollte die Frage gestellt werden, wie damals mit den Menschen umgegangen worden ist. Immerhin hätten die Ostdeutschen die deutsche Einheit erkämpft. Deshalb gehe es heute um Stil und Respekt. Wenn ein Ostdeutscher seinerzeit mit einem Investitionsbegehren kam, sei er schlechter behandelt worden. Ein noch so gutes Konzept nutzte ihm nichts. Ein Westdeutscher habe aufgrund seiner eingeübten Sprachcodes meist für eine symbolische DM den Vorzug bekommen. Ihm seien solche Vorgehensweisen besonders eindrücklich von der Privatisierung der DDR-Kaliindustrie und den Extremereignissen in den Kaligruben von Bischofferode. Dort habe es durchaus echte Alternativen gegegeben, statt den Bergwerksbetrieb einzustellen. ++ (wi/mgn/26.08.18 – 218)

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„Wahrheitskommission“ zur Treuhand-Aufklärung äußerst umstritten

Leipzig, 10. Juli 2018 (ADN). Eine „Wahrheitskommission“ soll die Geschichte der Treuhandanstalt untersuchen. Wie der Radio-Sender MDR aktuell am Dienstag weiter berichtet, setzen sich dafür die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping und der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig ein. Nach dessen Ansicht war es ein Fehler, sich mehr als 30 Jahre zu weigern, die Enttäuschung vieler Menschen anzunehmen. Es sei darüber zu diskutieren, was damals schiefgelaufen ist. „Wollen wir eine echte Deutsche Einheit, dann müssen wir uns in ganz Deutschland gemeinsam der Aufarbeitung der Treuhand stellen“, so Dulig.

Nach Aussagen einiger CDU-Politiker wie dem Ostbeauftragten der Bundesregierung Christian Hirte und dem sächsischen Generalsekretär Alexander Dierks ist der Begriff „Wahrheitskommission“ für ein solches Gremium nicht geeignet. Zudem gehöre eine solche Analyse in den Bereich der Wissenschaft. Von dort wird der Ball zurückgespielt, beispielsweise von Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum. Er hält jetzt die Politik für gefordert. Der Zeithistoriker hat gerade zu Beginn dieses Monats eine umfassende wissenschaftliche Betrachtung zur DDR-Treuhandanstalt vorgelegt. „Anstalt der Abenteurer“ und „Privatisierungsmonster“ wird diese bei den Ostdeutschen verhasste Einrichtung von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) am Vortag genannt. 

Der MDR fragte seine Hörer nach ihrer Meinung zu einer „Wahrheitskommission“. Einer der ersten Kommentare dazu lautete: Wenn die GANZE Wahrheit hier jemals ans Licht kommen sollte, würde so mancher Staatsanwalt wohl ’ne Menge Arbeit bekommen und so einige der ‚Eliten‘ ihr erbeutetes Vermögen mit Knast tauschen müssen. Aber ehe es so weit kommt, glaube ich eher wieder an den Weihnachtsmann“. ++ (vw/mgn/10.07.18 – 172)

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Aufarbeitung „der Verbrechen durch die Treuhand“ gefordert

Bischofferode/Berlin, 7. Juli 2018 (ADN). Anlässlich des vor 25 Jahren begonnenen Hungerstreiks in dem thüringischen Kali-Bergwerk Bischofferode forderte LINKEN-Chefin Katja Kipping zur Aufarbeitung der damaligen Aktivitäten der Treuhandanstalt auf. Die Tageszeitung „neues deutschland“ zitiert die Bundespolitikerin am Sonnabend: „Bischofferode steht wie kein anderer Begriff für das große wirtschaftspolitische Unrecht in der Geschichte der Bundesrepublik, die Arroganz der Mächtigen und den Widerstandsgeist der Beschäftigten im Osten.“ Das Salzbergwerk sei 1993 zum Symbol der Transformationszeit geworden, in der „die Lebensleistung vieler Menschen in Ostdeutschland missachtet und ein ganzes Land dem Ausverkauf durch die Treuhand preisgegeben wurde“. Kipping fordert eine Enquete-Kommission, die sich mit dem von der Treuhand begangenen Unrecht widmet. ++ (tr/mgn/ß7.07.18 – 169)

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Treuhand als zentraler Baustein schockartiger Nachwendeerfahrung

Bochum, 28. Juni 2018 (ADN). Die Treuhand ist der zentrale Baustein einer schockartigen Nachwendeerfahrung. So charakterisiert Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum den schmerzhaften Transformationsprozess der ostdeutschen Wirtschaft nach dem Ende der DDR in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ am Donnerstag. Für alle älteren sei das noch ein hochemotionales Thema. Das Wirken der Treuhand werde überwiegend als Herabsetzung empfunden. „Es kamen Menschen aus Westdeutschland und nahmen im Osten das Heft in die Hand. Da reiste einer aus Düsseldorf an und sagte: ‚Euer Betrieb ist nichts mehr wert‘.“, formuliert Böick beispielhaft. Das habe zu millionenfachen Verwundungen geführt und beeinträchtige die Erzählung, wonach die deutsche Einheit eine strahlende Meisterleistung gewesen sei. Die bundesdeutsche Marktwirtschaft folgte eigenen Spielregeln und nicht schwarz-rot-goldener Euphorie.

Böick schilderte die Sichtweise vom Standpunkt der Stadt Bochum aus, wo der Osten ein relativ abseitiges und im Zweifel abgegriffenes Thema ist. „So geraten Krisen und Konflikte der 90er-Jahre aus dem Blick, auch in der Wissenschaft.  Dabei müssen wir stärker hinschauen und die ostdeutsche Umbrucherfahrung in den Blick nehmen.  Allerdings ist das keine reine ostdeutsche Geschichte. Gerade auch in der Treuhand verbinden sich Ost und West. Das ist deutsche und letztlich europäische Geschichte.“ ++ (od/mgn/28.06.18 – 160)

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Studie zur Treuhandanstalt – Umfragen in Leipzig und Eisenach

Grimma, 14. Mai 2018 (ADN). Von den rund 8.000 volkseigenen Betrieben und Kombinaten der DDR wurden durch die Treuhandanstalt bis zum Jahr 1994 etwa 53 Prozent privatisiert, 13 Prozent reprivatisiert und 30 Prozent abgewickelt. Nur wenige Betriebe gingen an die Kommunen. Das erklärte Dr. Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum am Montag in Grimma. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Projekt „Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt“ präsentierte Ergebnisse seinen Forschungen, die im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaft erfolgten. Seinerzeit hatte die Ostbeauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke das Gutachten in Auftrag gegeben.

Zu den Grundlagen der Studie, der Anfang Juli dieses Jahres eine 800 Seiten starke Buchveröffentlichung folgt, gehörte eine Befragung von 500 Ostdeutschen unterschiedlichen Alters. Zum regionalen Vergleich heißt es in der Studie: „385 Befragte wurden zufällig in Leipzig befragt – einer in der Gegenwart wieder florierenden Groß- und Universitätsstadt, die gemeinhin als Vorzeigeobjekt eines langfristigen „Aufbau Ost“ gilt. Als Kontrollgruppe wurden zusätzlich 115 Personen in Eisenach befragt, einer thüringischen Mittelstadt, die nach 1990 zunächst erheblich mit den Folgen des Wirtschaftsumbaus zu kämpfen hatte. Insbesondere die hiesige Automobilproduktion war von der durch die Treuhandanstalt 1991 verfügten Schließung des Automobilwerks Eisenach (AWE) betroffen, die aber durch die Eröffnung eines neuen Opel-Standortes teilweise kompensiert werden konnte.“ In Eisenach – also in der Provinz – erfuhr die Treuhandanstalt allgemein eine wesentlich kritischere Bewertung als in der Messemetropole Leipzig.

Nach der Präsentation der Studie äußerten sich zahlreiche Besucher der Veranstaltung außerordentlich eindrucksvoll und kenntnisreich über ihre persönlichen Erfahrungen und Befindlichkeiten hinsichtlich der massenweise Arbeitsplätze vernichtenden Tätigkeit der Treuhand. Völlig ungeeignete und unqualifizierte Treuhand-Mitarbeiter aus Westdeutschland hätten wie am Fließband Betriebe dicht gemacht und die Menschen im Regen stehen gelassen. Die Ostdeutschen würden bis in die Gegenwart als Menschen zweiter Klasse betrachtet und behandelt.

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping bestätigte, das bei einem Blick auf die soziale und wirtschaftliche Landkarte Deutschlands bis heute ein tiefer Ost-West-Spalt klafft. Das müsse nun nach fast 30 Jahren mühsam mit weiteren Untersuchungen und Forschungen aufgearbeitet werden. Dabei stehe man erst am Anfang. Die wissenschaftliche Arbeit von Marcus Böick stelle dazu einen verheißungsvollen Beginn dar. Besonders skandalträchtige Vorgänge der deutschen Wiedervereinigung wie  das weitgehend erfolglose Agieren der Zentralen Ermittlungsststelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) blieben unerwähnt. ++ (wv/mgn/14.05.18 – 134)

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„Sachsens Glanz und Elend“ an schwarzem Wochenende eindrucksvoll dokumentiert

Leipzig, 18. März 2018 (ADN). Über die Geschichte eines vorläufigen Zerwürfnisses des Bundeslandes Sachsen gegen Berlin und den Westen berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) am Sonntag unter einer Abbildung Augusts des Starken. „Sachsens Glanz und Elend“ wird in seiner historischen Entstehung und seinem heutigen Erscheinungsbild in vielerlei Facetten beleuchtet. Es ist ein Psychogramm eines Menschenschlages, der an einer Zerreißgrenze zwischen West- und Osteuropa über Jahrhunderte existiert und dabei stetigen politischen Wechselbädern ausgesetzt war und ist. Die auffällige Hinwendung des Freistaates Sachsen zu seinen östlichen Nachbarn wird deutlich herausgestellt. Um Sachsens Sonderstellung zu verdeutlichen, lässt die Wochenzeitung eine der profiliertesten politischen Querköpfe Sachsens, den CDU-Politiker Arnold Vaatz, ausführlich zu Wort kommen. Als einst führender Kopf der friedlichen Revolution schimpfe er über den „penetranten Narzissmus des Westens“. Über Sachsen sei ein „Tsunami der Überheblichkeit gekommen, und zwar von Leuten, die außer „ihrer albernen Salonrevolte“ von 1968 historisch nichts geleistet hätten und ihre Demokratie von Briten und Amerikanern geschenkt bekommen hätten. Bestätigt wird, dass es tatsächlich mit dem Wiederaufbau der sächsischen Wirtschaft unter Ägide der Berliner Treuhand schlecht lief. „Sachsen war vor dem Krieg die am stärksten industrialisierte Region Deutschlands, der erste deutsche Autokonzern hatte seinen Sitz in Zwickau. Bei Horch wurden schon Luxuslimousinen gebaut, da gab es VW Wolfsburg noch gar nicht, und um Ingolstadt grasten die Kühe. Textilwirtschaft, Maschinenbau, Elektrotechnik – überall war Sachsen führend. Keine andere deutsche Gegend hatte so viele Bahnverbindungen wie die Sächsische Staatseisenbahn“. Dass genau diese Restqualität ausgerechnet an diesem Wochenende total zusammenbrach, den Leipziger Hauptbahnhof angesichts eines plötzlichen Wintereinbruchs von der Außenwelt abschnitt und das im Zenit allerhöchster Öffentlichkeit der Leipziger Buchmesse, dürfte für von den Sachsen als besonders schmerzliche Symbolik und tiefste Demütigung empfunden werden. Die Hölle  eines schwarzen Image-Wochenendes hatte ihren Schlund weit geöffnet und die stolze Stadt in der Pracht von  Schnee- und Eismassen versinken lassen. ++ (re/mgn/18.03.18 – 077)

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Kolonialer Ausverkauf ostdeutschen Terrains – Alwine versteigert

Bad Liebenwerda, 11. Dezember 2017 (ADN). In Deutschlands rauschendem Blätterwald hat sich am Montag ein Thema Gehör verschafft, das sich durchaus unter dem Label „Kolonialer Ausverkauf ostdeutschen Terrains“ subsummieren lässt. Dass es ab und zu, jedoch immer seltener und in zunehmend vernebelten Zusammenhängen abgehandelt wird, mag an den inzwischen mehr als ein Viertel Jahrhundert zurückliegenden immobilären Zuständen in der Ex-DDR liegen. Das aktuelle Beispiel betrifft die auf einer Berliner Immobilien-Auktion versteigerte Siedlung Alwine im brandenburgischen Landkreis Bad Liebenwerda. Die Umstände sprechen dafür, dass der Vorgang in Menschen entwürdigender Weise vonstatten gegangen ist, weil mit dem Verkauf auch der „Eigentumsübergang“ von 15 mehr oder minder ahnungslosen Einwohnern des Lausitz-Dorfes vollzogen wurde. Der Bürgermeister des Lausitzdorfes zumindest bestätigt der „Berliner Zeitung“, er habe erst aus den Medien von dem Verkauf seiner Gemeinde erfahren.

Die geringe Distanz dieser Vorgänge, die sich am Tag der Internationalen Menschenrechte mitten in Europa und in Deutschland abspielten, zu mittelalterlichen Kolonialverhältnissen und antiken Sklavenmärkten ist schockierend. Noch erschreckender ist: die Protestwelle über solche Zustände bleibt aus. Macht man sich bewusst, dass Alwine im Jahr 2001 von der Treuhandanstalt für einen Euro an Privatinteressenten verhökert worden ist, lässt den Schrecken bei genauerem Hinsehen endlos erscheinen. Die nunmehrigen unbekannten Ersteigerer, die zunächst anonym bleiben wollen, bezahlen für das Beuteland der Treuhand 140.000 Euro. Ostdeutschland und mit ihm seine Bürger sind im sogenannten freien Spiel der Marktkräfte auf den Hund gekommen. In den vergangenen 25 Jahren ist in die de facto von der öffentlichen Infrastruktur völlig abgeschnürten Ortschaft nichts investiert worden. Der Verfall der Siedlung, der bauliche Komplettsanierung auf zwei Millionen Euro geschätzt wird, geht weiter. ++ (im/mgn/11.12.17 – 356)

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