Ramelow verweist auf Ausländeretikettierung in alten Bundesländern – Ost-Abwanderung nicht durch Flüchtlinge kompensierbar

Berlin/Erfurt, 22. September 2016 (ADN). Rund 200.000 junge Facharbeiter sind in Thüringen nötig, um den Ausfall von Arbeitskräften durch den Übergang ins Rentenalter in den nächsten Jahren auszugleichen. Das teilte Ministerpräsident Bodo Ramelow am Donnerstag im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) mit. Nur so sei der Spitzenplatz, den Thüringen unter den neuen Bundesländern im Wirtschaftswachstum einnehme, zu halten. Der Linken-Politiker verwies darauf, dass Flüchtlinge ausgewogen integriert werden müssten. Auch in den alten Bundesländer der 60er und 70er Jahre habe es gegenüber den Gastarbeitern diskriminierende Etikettierungen gegeben. So seien beispielsweise Italiener nicht selten als „Spaghetti-Fresser“ tituliert worden. Der Landrat im hessischen Marburg habe die damalige Situation mit den „vor Wien stehenden Türken“ verglichen.

Ramelow war in dem Kurzinterview nach seinem Befund angesichts des am Vortag von der Ostbeauftragten der Bundesregierung präsentierten Jahresberichts zum Stand der Deutschen Einheit gefragt worden. Dabei hatte Iris Gleicke von der SPD erklärt, „im Moment nicht viel Positives berichten zu können“. Der Rechtsextremismus sei zu einer ernsten Bedrohung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern geworden. Das Problem der Abwanderung im Osten lasse sich nicht einfach mit der Massenflucht aus dem Süden lösen.

Bereits im Januar dieses Jahres hatte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium angesichts einer Studie des Berlin Instituts auf die bedenkliche Prognose hingewiesen, dass durch den Weggang von 1,8 Millionen Menschen in den Westen 30 Prozent der Menschen in Ostdeutschland im Jahr 2030 älter als 64 Jahre sein werden. Im Westen werde dieser Punkt erst im Jahr 2060 erreicht.

Dass die ostdeutschen Bevölkerungsverluste auch in Zukunft nicht enden, geht aus einer 2011 veröffentlichten Untersuchung des Thüringer Landesamtes für Statistik zur künftigen demographischen Entwicklung in  Thüringen von 2010 bis 2030 hervor. Danach stehen – bis auf Ausnahmen – den Städten weitere erhebliche Schrumpfungen bevor. Minus-Spitzenwerte werden den Kommunen Wutha-Farnroda (- 35, 2 Prozent), Roßleben (- 34, 3 Prozent) und Treffurt (- 32, 2 Prozent) vorausgesagt. Gleickes Heimatstadt Schleusingen in Südthüringen wird in diesem Zeitraum 8,8 Prozent ihrer Einwohner verlieren. ++ (df/mgn/22.09.16 – 258)

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Henneberger Grafen gehörten zu Schlüsselfiguren der Reformation

Schleusingen, 5. März 2016 (ADN). Eine äußerst nachgefragte Neuauflage der „Genealogie der Grafen von Henneberg“ wurde am Sonnabend in Kloster Veßra bei Schleusingen vorgestellt. Die Sonderveröffentlichung des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins (HFG) enthält neu aufgefundene Daten zu einzelnen Personen des Adelsgeschlechts, das im deutschen Mittelalter in der Zeit von 11. bis bis 16. Jahrhunderts eine bedeutende politische Macht verkörperte. Der Historiker und Autor der Publikation Heinrich Wagner teilte während seines Festvortrags in einem vollbesetzten Saal des ehemaligen hennebergischen Hausklosters des Prämonstratenstifts Veßra mit, dass unter Mithilfe zahlreicher Archive, Museen und anderen Einrichtungen im In- und Ausland ein sehr informatives, reich bebildertes und tiefgründiges Werk zustande gekommen ist. Erste Planungen und Entwürfe zu dem Kompendium, das Auskunft über mehr als 200 Personen innerhalb von 500 Jahren gibt, stammen nach den Worten von Wagner aus dem Jahr 1996.

Trotz erheblicher Gebietsverluste waren die Henneberger, deren Stammsitz nahe der südthüringischen Stadt Meiningen lag, die größte weltliche Macht im Fränkischen Reichskreis. 1337 fungierte Berthold IV. als Berater von drei Kaisern auf der Bertholsburg. Die Grafschaft bewegte sich dauerhaft im Konfliktbereich mittel- und süddeutscher Herrschaften. Dadurch wurde schließlich Wilhelm VI. von Henneberg-Schleusingen zur Durchsetzung der Reformation im 16. Jahrhundert gezwungen. Der am 1. September 1554 geschlossene „Kahlaer Vertrag“ sah eine Erbverbrüderung mit den Wettinern vor. Diese Übernahme Hennebergs durch Sachsen bei Ableben der Henneberger Linie trat im Jahre 1583 mit dem Tod des letzten Fürstgrafen Georg Ernst ein. Den Ernestinern (Weimar/Gotha) standen sieben Zwöftel und den Albertinern fünf Zwölftel der Erbmasse zu. Weitere Zersplitterungen des hennebergischen Vermögens folgten. Während des Dreißigjährigen Krieges war die Schleusinger Bertholdsburg, die Thüringens älteste fürstliche Residenz ist, häufig Schauplatz wichtiger diplomatischer und politischer Verhandlungen. 1624 traf Graf Tilly als Abgesandter des Herzogs von Bayern zur Fürstenversammlung auf der Festung ein. Im Jahr 1631 verhandelte König Gustav Aolf von Schweden nach der Schlacht bei Breitenfeld auf der Schleusinger Bertholdsburg mit seinem militärischen Hauptgegner Wallenstein. Heute zeugen vor allem zahlreiche, teilweise verfallene Burg- und Schlossanlagen im fränkisch-thüringischen Raum von der einstigen Machtfülle der Henneberger Grafen. Dazu zählen die Bertholdsburg in Schleusingen und  die „Schlösser“ Aschach un Ebenhausen. ++ (he/mgn/0503.16 – 065)

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