Des Generalangriffs auf Wahrheit und Wirklichkeit verdächtig

Berlin, 1. Februar 2019 (ADN). Der von dem Karriere-Journalisten Claas Relotius angerichtete ideelle Schaden ist noch nicht absehbar. Neben dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ – seinem letzten Arbeitgeber – durchforsten nun zahlreiche weitere Wirkungsstätten des gefallenen Helden innerbetrieblich, in welchem Grade ihre Medienunternehmen zu Lügengebäuden umgebaut worden sein könnten. Der Kardinalmangel besteht dabei darin, dass sie diese Ermittlungen selbst vornehmen. Sie besitzen also die Arroganz, Angeklagte und Richter in einem zu sein. Die Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlicht ihre diesbezügliche Bilanz am Freitag. Es stehen sechs Beiträge aus Relotius‘ Autorenschaft auf dem Prüfstand.

Wie lückenhaft und schwächlich die Bemühungen der redaktionellen Wahrheitskommission bleiben, offenbaren die publizierten Untersuchungsergebnisse. Als Relotius-Nachwehen dürften sie bei immer mehr Lesern den faden Geschmack hinterlassen, dass die informationellen Betrügereien nicht auf die Person des preisgekrönten Journalisten beschränkt sein könnten. Außerdem lassen sie befürchten, dass dieses System der Berichterstattung und die  derzeitige Struktur der Medienlandschaft bereits über Jahre und Jahrzehnte nicht nur Zerrbilder der Wirklichkeit liefert, sondern auch in die Irre führt. Es erhärtet sich der Verdacht eines Generalangriffs auf Wahrheit und Wirklichkeit. Die eigentliche Krise in den Printmedien besteht also nicht in sinkenden Auflagen, sondern in der Glaubwürdigkeit ihrer redaktionellen Mitarbeiter. ++ (me/mgn/01.02.19 – 032)

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Wie „krude Thesen“ entstehen und ewig währen

Frankfurt am Main, 29. Dezember 2018 (ADN). Kaum besser als an den „kruden Thesen“ von Thilo Sarrazin lässt sich zeigen, wie wenig eigenständiges Denken in Redaktionen gefordert ist. Davon zeigt sich der Historiker und freie Journalist Lukas Mihr am Sonnabend in einem Beitrag des Portals tichyseinblick.de überzeugt. Die Debatte um das Werk „Deutschland schafft sich ab“ des früheren Bundesbankvorstandes sei ein Beispiel dafür, wie Dämme brechen und Fake News sich dermaßen verselbstständigen. Flächendeckend sei die Trennung zwischen Information und Meinung aufgeweicht worden. Auch in eigentlich neutral zu formulierenden Artikeln hätten sich wertende Bezeichnungen eingeschlichen, die nur in Kommentaren Berechtigung haben. Das gelte auch für den Kampfbegriff „krude Thesen“, mit dem Leser verängstigt werden. Fast jedes Medium übernehme seither diesen Ausdruck. Manche, die meist als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet werden, vermuteten das Agieren einer „Reichspressekammer“ im Hintergrund.

Die Erklärung ist weit simpler, so Mihr. Die Medienlandschaft sei über Jahre hinweg kaputtgespart worden. Weniger Mitarbeiter müssten mehr Arbeit leisten. So würden Agenturmeldungen unverändert übernommen.  Die Formulierung von den „kruden Thesen“ sei hundertfach abgeschrieben worden, nachdem sie einmal in der Welt war. Unisono hatten die Medien berichtet, Sarrazin habe über genetisch dümmere Ausländer sinniert. Seltsamerweise ließ sich diese Behauptung weder durch ein Zitat noch eine Seitenangabe untermauern.  Eine solche Passage ist schlicht nicht in dem Werk auffindbar – im Gegenteil. Diese Deutung hatte eine Agenturmeldung vorgegeben. Sie war entstanden, als Sarrazin im Juni 2010 in Darmstadt bei Unternehmerverband Südhessen gastiert und sein kurz darauf erscheinendes Buch skizziert hatte. ++ (me/mgn/29.12.18 – 342)

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