Frank Richter: Zum Leben gehören auch Verluste

Dresden, 11. März 2019 (ADN). „Die ostdeutsche Gesellschaft kommt aus einer Zeit, in der der Staat eine quasi-religiöse Orientierung gab“. Das erklärte der Ex-Bürgerrechtler und Theologe Frank Richter am Montag im Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ). Auch wenn diese nicht funktionierte, habe sie dennoch einen konstruierten Sinn gegeben. Heute würden wiederum viele Erwartungen auf die Politik projiziert, die gar nicht einzuhalten sind. Er sehe viele die ihre Verbitterung bei der Politik abladen. Das sei manchmal berechtigt, oft aber nicht. In Wirklichkeit müsse gelernt werden, dass zum Leben auch Verluste gehören. Das gelte auch für Politiker, die meinen, auf jede Frage eine Antwort haben zu müssen.

Der 58 jährige langjährige Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung kandidiert als Parteiloser für die SPD bei den Landtagswahlen in Sachsen. Kürzlich hat er ein Buch veröffentlicht, das provokativ fragt, ob Sachsen noch zu Deutschland gehört. Seine persönliche Antwort gegenüber der LVZ lautet: „Staatsrechtlich: ja. Kulturell und politisch: naja“. er sei von seiner Grundhaltung her für ein liberales, vielfältiges und solidarisches Deutschland. Deshalb könne er die Frage nicht mit einem uneinmgeschränkten Ja beantworten. Aber damit könne er leben und werde weiterhin in Sachsen bleiben. Er halte es für außerordentlich wichtig, dass Fragen nach Identität, Verwurzelung und Zusammengehörigkeit politisch nicht preisgegeben werden. ++ (fr/mgn/11.03.19 – 070)

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Leipzig erneut im Dunstkreis potentieller Gewalt

Leipzig, 9. Oktober 2016 (ADN). Angst beherrscht am Sonntag Leipzig erneut. Vor 27 Jahren war es die Furcht vor einem blutigen, militärischen Einsatz bewaffneter Kräfte der DDR und einem brutalen Eingreifen der Regierung gegen die demonstrierende Zivilgesellschaft. Heute ist es die nebulöse Panik vor einem mutmaßlichen syrischen Terroristen, dessen die Polizei bislang nicht habhaft wurde und der unkontrolliert durch Sachsen – womöglich mit leicht endzündlichem Sprengstoff – geistert. Zu später Stunde um Mitternacht herum wird er in Leipzig-Paunsdorf doch noch festgenommen. Die Umstände der Verhaftung lassen zusätzlich rätseln, denn der Gesuchte wird letztlich nicht durch die Polizei festgesetzt, sondern von einen Landsmann aus Syrien.

All das mag auch dazu beigetragen haben, dass das zum Jahrestag der „Friedlichen Revolution“ veranstaltete abendliche Lichtfest nur von rund 15.000 Teilnehmern besucht wurde. Vor 27 Jahren demonstrierten 70.000 mutige Bürger um das Stadtzentrum herum. Viele der damaligen Demonstranten beteiligen sich in der Gegenwart an Legida- und Pegida-Spaziergängen, um gegen die heutigen chaotisch anmutenden Vorgänge zu protestieren. Sie werden vor allem von der politischen Führungsschicht und auch von einigen Medien als Rechtsextremisten, Rechtspopulisten oder Nazis bezeichnet. Und das obwohl kaum jemand präzise weiß, worin die Motive der Pegidisten bestehen. Wer das ehrlich und vorurteilsfrei zu ergründen sucht, wie beispielsweise der Leiter der sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, Frank Richter, wird weggemobbt. Diejenigen, die sich die Orden und Ehrenzeichen der „Friedlichen Revolution“ ans Revers geheftet haben oder in deren Sog von West nach Ost zur Inbesitznahme der Macht in der ehemaligen DDR gepilgert sind, haben eine tiegründige Aufarbeitung der jüngsten ostdeutschen Geschichte versäumt. Auch die geflügelte Parole, man möge sich doch gegenseitig seine ganz individuellen Geschichten zum besseren Verständnis zueinander erzählen, blieb eine leere Worthülse. Die neuen Machthaber haben einfach in den Regierungssesseln Platz genommen, um von dort das Volk nach ihrem Ermessen und Gutdünken zu dirigieren. Sanft vorgetragene Kritik der Bürger wird in den Wind geschlagen, Beschwerdebriefe aus der Bevölkerung ignoriert. Andersdenkende werden diffamiert. Nun wundern sich die Eliten, als „Volksverräter“ tituliert zu werden. Die Parallelen zu den gesellschaftlichen Zuständen vor einem Viertel Jahrhundert nehmen erstaunliche Ausmaße an.  ++ (rv/mgn/09.10.16 – 275)

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Legida: Polit-Debatte nur unter seinesgleichen befeuert Spaltung der Gesellschaft

Leipzig, 11. Januar2016 (ADN). Während sich auf den Straßen von Leipzig bei strömendem Regen rund ein Dutzend verschieden gefärbter und voneinander durch Polizeiketten getrennter Demonstrationsszüge- und blöcke bewegen, sind sich zur gleichen Zeit die Teilnehmer einer Debatte über das Einjahres-Jubiläum der Legida-Protestbewegung am Montagabend  doch noch am Schluss weitgehend einig – und zwar in einem Punkt: Die, über die man so heftig lamentiert und permanent als islamfeindlich apostrophiert, sollten doch besser zum direkten Dialog eingeladen werden. Bevor dieser geringste gemeinsame Nenner erreicht wurde, hatte sich jedoch die vorangegangene Diskussion müde und in den bereits weitgehend ausgeleierten Bahnen dahin geschleppt. Dass dieser belebende Vorschlag – wie schon so oft bei zahllosen ähnlichen Zusammenkünften – aus dem Publikum kam, verwundert nicht mehr. Eine schon betagte Dame hatte leidenschaftlich kritisiert, dass auf dem Podium ausschließlich Gegner von Legida und Pegida sitzen und ihre allbekannten fast gleichlautenden Auffassungen artikulieren. Polit-Debatten nur unter seinesgleichen befeuere nämlich die oft beklagte Spaltung der Gesellschaft. Für eine fruchtbare und konstruktive Auseinandersetzung sei aber ein kontroverser und schonungsloser Streit zwischen wirklich auseinander driftender Meinungen und Auffassungen nötig. Das gehe aber nur, wenn Vertreter tatsächlich alternativer Denkrichtungen direkt als Gesprächspartner aufträten. Dann würde Herbert Mühlenbrink, der aus den alten Bundesländern kam und seit etwa vier Jahren in Leipzig lebt, wissen, wonach er so frenetisch fragt: „Was wollen Legida und Pegida eigentlich ?“ Damit habe man sich „großen Bullshit“ eingehandelt. Die hemmungslosen und kaum überschaubaren Demonstrationen hätten schon jetzt gigantische Kosten verursacht, die dem Steuerzahler aufgebürdet werden. 

Ob die Veranstalter tatsächlich mit derart heterogen zusammengesetzten Podiumsmannschaften explosive Verbal- und Gesinnungsgefechte riskieren, ist kaum zu erwarten. Da bisherige Gesprächsrunden in der Regel von etablierten Parteien und deren Strukturvereinigungen veranstaltet werden, wird man sich die hartnäckige Gegnerschaft kaum ins eigene Haus holen wollen. Das wäre dann noch ein oder gar zwei Gefahrenklassen höher einzustufen als eine zunächst harmlos erscheinende Rundevor gut einem Jahr in Dresden. Damals hatte der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Sachsens, Frank Richter, die Rolle eines neutralen Vermittlers übernommen und den Pegida-Obristen einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Thesen und Programmpunkte der breiten Öffentlichkeit präsentieren und erläutern können. Daraufhin brach über ihm ein schweres Gewitter mit ideologischen Güllepartikeln herein, das von den politischen Parteien und den Inhabern der Macht ausgelöst, monatelang angefacht und in dem kübelweise ideelles Schmutzwasser über dem zu DDR-Zeiten erprobten Bürgerrechtler ausgeschüttet wurde. Der Beweis für echte Toleranz gegenüber Andersdenkenden muss also erst noch von denen erbracht werden, die ständig und bei jeder Gelegenheit das Prinzip der Meinungsfreiheit proklamieren. Nicht nur in Leipzig, Dresden oder andernorts. ++ (le/mgn/11.01.16 – 011)

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