Ostdeutsche in Führungspositionen noch seltener als Frauen in Chefetagen

Mainz/Leipzig, 23. Mai 2018 (ADN). Ostdeutsche sind de facto in politischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen nicht auffindbar. Das ergibt sich aus einer Recherche des ZDF-Magazins Frontal 21, die am Dienstag publiziert wurde. Dort heißt es wörtlich: „So gut wie nirgends. Denn Ostdeutsche in Führungspositionen sind noch seltener als Frauen in Chefetagen.“ Bundesweit besetzten nur 1,7 Prozent der Leitungsfunktionen Ostdeutsche und das bei einem Bevölkerungsanteil von immerhin 17 Prozent. In der Politik ergebe sich das gleiche Bild. Nach Aussage von Prof. Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz ist Deutschlands Politik westdeutsch geprägt. Auch in der zweiten Reihe. Im Jahr 2016 stammten auf Bundesebene gerade mal drei von 60 Staatssekretären aus dem Osten und nur vier von 154 deutschen Botschaftern sind im Osten geboren. An der Spitze der Bundeswehr sei das Ost-West-Verhältnis besonders eklatant. Von insgesamt 202 Generälen und Admiralen sind gerade mal zwei Ostdeutsche. Dagegen stamme die Hälfte der vor zehn Jahren in Afghanistan und im Kosovo stationierten Soldaten aus Ostdeutschland. Besonders groß ist das Übergewicht im Justizbereich.

Die „Berliner Zeitung“ berichtet am Mittwoch von ähnlich krassen Disparitäten in der Verwaltung des Deutschen Bundestages. Auf Anfrage der Zeitung teilt ein Verwaltungs-Sprecher mit, dass es „derzeit keine ostdeutsche Abteilungsleiterin und keinen odeutschen Abteilungsleiter in der Bundestagsverwaltung gibt“.  Von den 14 besetzten Unterabteilungsleitungen werde eine durch eine ostdeutsche Führungskraft wahrgenommen. Vier der insgesamt 101 Referats-, Fachbereichs- und Sekretariatsleitern hätten einen ostdeutschen Hintergrund.

In Leipzig wird am Mittwochabend in einer Veranstaltung der Zeit-Stiftung über eine Ost-Quote diskutiert und abgestimmt. Vor dem Publikum, das für eine solche Quote votierte, zog Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff überraschenderweise selbst vom Leder. In seinen Administrationen und bei den Personalchefs werde eindeutig pro westdeutsch entschieden. Er erklärte das mit der Mentalität. Dennoch ist er – wie auch die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) Karola Wille – gegen eine Quote, weil das juristisch nicht durchsetzbar sei. Eine Bauexperte kritisiert, dass das Bauen in Ostdeutschland von Architekten und Bauingenieuren aus dem Westen dominiert wird. Ostdeutsche Architekten kämen weder im Ost noch im Westen kaum zum Zuge bei Auftragsvergaben. ++ (od/mgn/23.05.18 – 144)

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MDR installiert Medienkompetenz-Zentrum in Thüringen – Minderwertigkeitskomplex der Kommunikationswissenschaft

Leipzig, 30. März 2016 (ADN). Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) gründet ein Medienkompetenz-Zentrum und installiert es in Thüringen. Darüber informierte MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende Prof. Karola Wille am Mittwoch in Leipzig zum Auftakt der 61. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikation (DGPuK) in einer öffentlichen Podiumsdiskussion. In dem Zentrum werde der Medienjournalismus den ihm gebührenden Platz finden. Derzeit werde zwar Wirkungsforschung betrieben, jedoch zu wenig. Das beginne bereits bei den Kids. Den Medienwissenschaftlern warf  taz-Chefredakteur Georg Löwisch vor, „beim Kommunizieren nicht gut zu sein, weil sie keine praktischen Journalisten sind.“ Er selbst habe in Leipzig „Zeitungskunde“ studiert. Danach sei der Kontakt abgerissen. „Sie lassen zu wenig gute Journalisten zu sich rein“, ergänzte er. Wer rein wolle, müsse Marathon laufen. In den USA sei das ganz anders. Dort würden die Praxisjahre eines Journalisten bei dessen Bemühen um eine wissenschaftliche Tätigkeit als Bonus verbucht. Mit „100 Jahren ist diese Wissenschaft wahnsinnig jung und hat gegenüber anderen Wissenschaften einen Minderwertigkeitskomplex“, so Löwisch. Den könne sie jetzt ablegen.

Bei der Begrüßung hatte DGPuK-Vorsitzender Prof. Oliver Quiring auf neu entstandenen Chancen zwischen praktischem Journalismus und Wissenschaft hingewiesen. In den vergangenen 16 Jahren sei die Sensibilität der Journalisten gegenüber ihrer eigenen Arbeit gestiegen. „Sich zu irren sei etwas anderes als zu lügen“, so Quiring. Danach hatte der Staatsrat für Kultur, Medien und Digitales der Freien und Hansestadt Hamburg, Dr. Carsten Brosda, an die völlig veränderten Spielregeln im Mediensektor erinnert und die Vertrauensfrage gestellt. „Wenn TV-Reporter polizeilich geschützt werden müssen, läuft etwas schief“, befürchtet der seit Beginn dieses Monats im Amt befindliche Landespolitiker. Es vollziehe sich eine Schumpeter’sche Zerstörungsillusion. Die Sprachlosigkeit zwischen Medienpraxis und Medientheorie sei Legion. Welche Rolle gegenwärtig noch professionelle Vermittler spielen, könne niemand definieren. „Die 142. Analyse deutscher Qualitätszeitungen brauchen wir wahrscheinlich nicht,“ teilte er provokant den Teilnehmern mit. Angesichts dieser gigantischen Kluft zwischen Praxis und Theorie hätten ingenieurtechnische Sektoren längst Stiftungsprofessuren eingerichtet.

Die DGPuK-Tagung wird anlässlich der Gründung der Kommunikationswissenschaft im Jahre 1916 am Ursprungsort Leipzig veranstaltet. Damals hatte der Nationalökonom Karl Bücher in der Messestadt das erste kommunikationswissenschaftliche Institut aus der Taufe gehoben, nachdem er in seinem eigentlichen Wissenschaftsmetier Volkswirtschaft in den Ruhestand getreten war. Er gilt als einer der Gründungsväter der Zeitungswissenschaft in Europa. ++ (me/mgn/30.03.16 – 090)

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