Odyssee der Automobil-Formgestaltung in der DDR nach dem „Offenen Prinzip“

Leipzig, 6. Dezember 2017 (ADN). Deutschland hat bereits jetzt seinen ökologischen Fußabdruck ausgetreten. Wenn die Deutschen und andere Industrestaaten mit der Plünderung der natürlichen Ressourcen so weiter machen, bräuchtes es zwei oder drei solcher Planeten. Diese traurige Wahrheit verkündete Prof. Karl Clauss Dietel am Mittwoch vor Studenten der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) zum Abschluss eines beeindruckenden Vortrags über die historische Entwicklung des Fahrzeugbaus in Ostdeutschland und in der DDR. Der in der DDR maßgebliche Formgestalter und ehemalige Präsident der Akademie der Bildenden Künstler beschrieb die vorwärtsweisenden Bemühungen der ostdeutschen Fahrzeugindustrie, um Produkte von hohem Gebrauchswert und möglichst langer Lebensdauer zu entwerfen und herzustellen. „Das waren völlige Gegensätze dessen, was weltweit üblich war. Die westliche Welt konzipierte eine Automobilproduktion, die auf möglichst schnelles Verschleißen, Altern und Wegwerfen ausgerichtet war“, kritisierte Dietel scharf. Exemplarisch analysierte der prominente und vielfach ausgezeichnete Künstler und Designer das ungeheuer mühselige und doch hoch innovative Zusammenspiel zwischen den Formgestaltern, den Entwicklern im Musterbau der DDR-Fahrzeugindustrie und deren Serienproduktionen. Um Effizienz zu gewährleisten, hätten „die Werke mit jedem halben Pfennig gerechnet“. Das war nur mit einem kontinuierlichen Durchhalten eines „Offenen Prinzips“ zu garantieren, bei dem Grundmuster stets variierbar und ergänzbar waren bis hin zur Endfertigung. Auch für die spätere Nutzung galt das, indem das Fahrzeug leicht erneuerbar und reparabel war. Das wurde in allen Sektoren des Fahrzeugbaus praktiziert. Im Vergleich der Sparten ist es beim Bau von Lastkraftwagen (LKW) und Personenkraftwagen (PKW) weniger konsequent gelungen. Am erfolgreichsten wurde das „Offene Prinzip“ bei der Entwicklung und Produktion von Motor- und Kleinkrafträdern in Suhl und Zschopau durchgesetzt. Teilweise gelang das weit über das Ende der DDR hinaus. Dass zahlreiche Fahrzeugentwicklungen sehr häufig abrupt abgebrochen worden sind, war fast durchweg politischen Entscheidungen der DDR-Führungsspitze geschuldet.

Dietel erläuterte seine kreative Tätigkeit, in der Bauhaus-Ideen eine dominierende Rolle spielten, anhand seit Jahrtausenden üblicher menschlicher Gewohnheiten. So wurde der Autositz und die Innengestaltung der Fahrzeuge streng an der Sitzweise der Benutzer orientiert. Daran habe sich vom Altägypter Echnaton vor 5.000 Jahren über Goethe vor 300 Jahren bis zum modernen Gegenwartsmenschen nichts Gravierendes geändert. Dietel wies auch auf die großen Traditionen der ostdeutschen Fahrzeugindustrie hin. Immerhin seien 90,5 Prozent der gesamten deutschen Fahrzeugproduktion im Jahr 1938 auf ostdeutschem Gebiet entwickelt und produziert worden. ++ (kf/mgn/06.12.17 – 342)

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Lammert kontra Köchler über den Souverän – Freie Bürger können sich in repräsentativer Demokratie nicht verwirklichen

Berlin/Frankfurt am Main, 5. Januar 2016 (ADN). „Souverän ist der Bürger, der sich vertreten lässt.“ Dieser kurze Satz fällt inmitten eines ganzseitigen Beitrags in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) vom Donnerstag. Autor ist Bundestagspräsident Norbert Lammert, der seine Sicht auf staatstragende deutsche Angelegenheiten ausführlich ausbreitet. Es sei eine spitze Formulierung, mit der er eine viel längere, etwas verschachtelte Definition des Philosophen Volker Gerhardt offensichtlich abkürzen und verständlicher machen wollte. Im Grunde soll damit und mitsamt des ganzen Elaborats die derzeit immer häufiger angezweifelte, repräsentative Demokratie gerechtfertigt werden. Der Pressebeitrag, der von Begriffen wie Reich, Nation und Volk sowie deren Derivaten durchtränkt wird, ist eine Reaktion auf weitgehende nationale Wirrnis, auf wachsenden Bildungsnotstand und auf den fühlbar immer chaotischer werdenden Zustand in einer zerbrechenden Gesellschaft. 

Dreh- und Angelpunkt des von Lammert Dargestellten ist die Widmung „Dem deutschen Volke“ von 1916 auf dem Berliner Reichstagsgebäude. Deutschland sei heute glücklicherweise anders als vor hundert Jahren. Fast 20 Prozent der Bevölkerung hätten ausländische Wurzeln. Im Übrigen sei „Volk“ ein schillernder Begriff und alles andere als eindeutig. Bereits die Brüder Grimm hätten darunter im Deutschen Wörterbuch 15 Bedeutungen mit noch weiteren Unterbedeutungen aufgelistet. Mit einem weiteren Blick in die Historie lenkt der Bundestagspräsident die Aufmerksamkeit des Lesers auf Christoph Martin Wieland und gibt den Dichter mit dem einleuchtenden Satz aus dem Jahr 1792 wieder „Wer das deutsche Reich aufmerksam durchwandert, lernt zwar Österreicher, Brandenburger, Sachsen, Pfälzer, Baiern, Hessen, Württemberger, usw. mit etlichen hundert … kleineren Völkerschaften, aber keine Deutschen kennen.“

Übertragen aufs Staatsbürgerschaftsrecht dürften diese klaren Worte bestens geeignet sein, die staatliche Architektur wieder in dieses, bereits bis 1933 weitgehend existente und bewährte Mosaik von mehr als zwei Dutzend Volksstaaten und regionalen Souveränen zu versetzen und wieder in Betrieb zu nehmen. Dann wiche die vor allem seit den Nazizeiten permanente Furcht in den Nachbarländern und im Ausland insgesamt vor einem zu großen und zu mächtigen Deutschland automatisch. Insofern sollte Wielands noch berühmterer Zeitgenosse, Johann Wolfgang von Goethe, beim Wort genommen werden. Der Dichterfürst empfahl, das zu erwerben und zu besitzen, „was du ererbt von Deinen Vätern“. Davon schreibt Lammert allerdings nichts.

Den wenig erhellenden und zweideutigen Darlegungen des Präsidenten des Deutschen Bundestages über die repräsentative Demokratie ist die unverblümte, sogar schroffe Demaskierung des Rechtsphilosphen und Völkerrechtlers Hans Köchler aus Innsbruck entgegenzusetzen. Zwei Tage zuvor fällt er in der Schweizer Wochenzeitschrift „Zeitfragen“ ein klar negatives Urteil über diese Art Demokratie. Entscheidend sei, „dass in einem solchen repräsentativen System sich der einzelne eben nicht als freier und gleicher Bürger verwirklichen kann, da letztlich über ihn verfügt wird.“ Diese Problematik sei seit dem Ende des Kalten Krieges noch viel deutlicher geworden. Demokratie werde sowohl im akademischen als auch im allgemein politischen Diskurs und in den Medien zumeist völlig unreflektiert als sogenannte „repräsentative Demokratie“ verstanden. Er verdeutlicht, dass es sich bei Demokratie begrifflich um Herrschaft des Volkes und nicht um Herrschaft über das Volk oder im Namen des Volkes handelt. Über ein solches Machtverhältnis über das Volk müsse dann offen geredet und dafür ein ganz anderer Ausdruck verwendet werden. Die Bezeichnung „Monarchie“ oder „Oligarchie“ wäre dafür adäquat. Mit dieser Einschätzung stehe er im Übrigen nicht alleine. ++ (de/mgn/05.01.17 – 005)

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