„Unvollendete“ Verfassung der Friedlichen Revolution

Berlin, 25. Februar 2019 (ADN). Im Zusammenhang mit Plänen des Intendanten der Berliner Festspiele Thomas Oberender, den „Palast der Republik“ der DDR symbolisch wieder zu errichten, äußerte die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld am Montag scharfe Kritik. Es handele sich um Geschichtsklitterung und sei grotesk, wenn der „Palazzo Protzo“ nunmehr dreißig Jahre nach dem Mauerfall als Ort „visionärer sozialer Ideen in die Zukunft“ getragen werden soll. Das Vorhaben des Festivals ist es, die Idee des Palastes durch mehrfache Transformation vom Erinnerungsort über ein Arbeitsforum bis hin zu einem  Raum für Kunst zu wandeln. Am Ende des dreitägigen Veränderungsprozesses soll der damals entstandene Verfassunsentwurf ins Spiel gebracht werden.

Lengsfeld wies darauf hin, dass sie „eben an diesem Verfassungsentwurf mitgegeschrieben hat und deshalb wisse, dass es keinerlei Zusammenhang mit dem Palast der Republik gebe. Die Verfassungskommission des Runden Tisches tagte von Anfang bis Ende in Pankow. Sie finde unter den Akteuren der Berliner Festspiele niemanden, der damals an der Verfassung mitgearbeitet hätte. „Dabei wäre eine Diskussion, was die Verfassser von damals bewegte, warum sie, wie auch der Versuch, nach der Vereinigung einen Verfassungskonvent einzuberufen, gescheitert sind, tatsächlich spannend,“ so Lengsfeld.  Die Verfassung der Friedlichen Revolution ist bis heute eine „Unvollendete“. ++ (pd/mgn/25.02.19 – 057)

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9. November: Klittern und Fälschen von Geschichte durch Sprachspaltung

Berlin, 9. November 2015 (ADN). Wenn alljährlich am 9. November die Standard-Gedenkzeremonien zum Fall der Berliner Mauer zelebriert werden, gehört eine Rückschau auf diesen Tag vor 26 Jahren zum Pflichtprogramm.  Meist sind es inzwischen inflationär gezeigte, ausgelutschte Filmaufnahmen. Viel mehr Details sind in dem vergangenen Vierteljahrhundert nicht an die Öffentlichkeit gelangt als die Höhepunkte mit Günter Schabowskis auf der historischen Pressekonferenz gestammelten Sätzen, dem Sturm der Massen auf den Grenzübergang Bornholmer Straße und dem Tanz Verwegener auf der Mauer. 

Bis zum Erbrechen werden diese filmischen Episoden eingespielt, so als gebe es keine anderen Szenen und Dokumente. Natürlich gibt es solche Beweise, jedoch ist das Interesse daran mager bis inexistent. Es wächst sogar der Verdacht, dass wesentliche Informationen vorenthalten werden. Der einmal verbreitete Ablauf des geschichtsträchtigen Tages soll nicht modifiziert werden. Inzwischen ist die Ursprungsversion sogar in Stein gemeißelt. An der berühmten Bornholmer Brücke ist auf einer Bronzetafel zu lesen, dass sich dort die von der Nachrichtenagentur AP um 19.05 Uhr gesendete allererste Meldung über die Maueröffnung unterrichteten Rundfunk- und Fernsehzuschauer zum Sturm auf den „Eisernen Vorhang“ sammelten. Dass eine solche Meldung vom Fall der Berliner Mauer bereits sieben Minuten vorher um 18.58 Uhr von der DDR-Nachrichtenagentur ADN publiziert worden ist, wird einfach unterschlagen. So wird Geschichte geklittert und verfälscht. Der Autor der noch vor 19 Uhr verbreiteten ADN-Pressenachricht hat zwar über zweineinhalb Jahrzehnte versucht, die verzerrende Darstellung zu korrigieren. Allerdings wird die Annahme dieser Wahrheit schlicht und ergreifend verweigert. Oder das Korrekturangebot aus dem Osten ist einfach unverständlich und bis heute nicht kapiert worden, nämlich durch die vom Mauerbau verursachte und noch nicht überwundene Sprachspaltung, über die die Zeitung „Der Tagesspiegel“ am Montag ausführlich berichtet. Der Linguist Manfred W. Hellmann habe den sprachlichen Keil schon 1961 vorausgesagt. Die in Beton gegossene Spaltung habe letztlich dazu geführt, dass die Kluft zwischen privater und öffentlicher Sprache im Osten weit größer als im Westen sei. „Schon immer hatte man in der Bundesrepublik dem Regime drüben „Begriffsverdrehungen“ und „Moskauderwelsch“ vorgeworfen, schreibt die Berliner Tageszeitung. ++ (po/mgn/09.11.15 – 304)

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